Die Aprilia Tuareg 660 komplettiert die Palette um den spritzigen 660er-Reihentwin. MOTORRAD durfte sie exklusiv, kurz vor Serienproduktionsbeginn fahren – ein charakterstarkes Bike.

Der Aprilia-Intimus weiß: Eine Abenteuer-Enduro Tuareg gab es schon einmal. Allerdings nur bis Anfang der 1990er und mit Einzylindern. Zuletzt versuchte Aprilia von 2013 bis 2016 mit der Caponord und großem 1200er-V-Twin im Abenteurer-Segment mitzumischen. Allerdings mit eher mäßigem Erfolg. Das könnte sich nun aber ändern: Mit der Tuareg 660 hat Aprilia ein attraktives Motorrad geschaffen, das die Entwickler schon beim Aufbau des 660er-Reihentwins auf dem Schirm hatten. "Es war nicht so, dass wir einen Motor für einen Sportler hatten und uns überlegten, was wir noch damit machen können", erzählt Piero Soatti, der Chefingenieur bei Aprilia. Seit Projektbeginn 2017 war die Tuareg 660 fester Bestandteil der Plattform-Entwicklung und Aprilias erklärtes Ziel, damit in das attraktive Adventure-Bike-Segment zurückzukehren. "Mit Aprilia-DNA natürlich", fügt Produktmarketingchef Diege Arioli hinzu. Und das verspricht Sportlichkeit, schließlich hat Aprilia den ersten von insgesamt 54 Weltmeistertiteln offroad gewonnen.

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Leichte Optik, stabiler Rahmen

Schauen wir uns das gute Stück genau an, das um Star-Designer Miguel Galluzzi im kalifornischen Pasadena Design Center gezeichnet wurde. Das Motorrad hat interessante Details, wirkt sehr wertig und sieht in der Sport-Lackierung des Vorserienmodells regelrecht sprungbereit aus. Ab Dezember können Kunden zwischen zwei weiteren Lackierungen wählen. Sofort fällt auf: Aprilia verwendet statt des Alu-Gussrahmens der RS und Tuono bei der Tuareg einen Gitterrohrrahmen und gibt ein ganz klares Bekenntnis zu Offroad-Einsätzen. Dafür hat der drehfreudige Zweizylinder im Chassis sechs statt wie in den beiden anderen Modellen nur drei Haltepunkte pro Seite bekommen. Trotzdem stand ein möglichst niedriges Gesamtgewicht im Fokus mit dem Ehrgeiz, das leichteste Bike in dieser Klasse zu stellen. Beim Feilschen um jedes Gramm entschied man sich beispielsweise für einen geschweißten statt geschraubten Heckrahmen – der dennoch viel Zuladung verträgt. Auch die Dimensionierung der Bremsanlage spielte da eine Rolle, Zweikolbensättel sparen Gewicht und sollen trotzdem akkurat verzögern. Trocken gibt Aprilia das Gesamtgewicht der Tuareg mit 187 kg an.

Steiler Motor

Den Motor haben die Entwickler statt um 25 Grad wie bei RS und Tuono nur um 15,8 Grad zur Vertikalen nach vorn steiler gestellt. Zum einen können sie so das Gewicht für den Einsatzzweck in einem Adventure-Bike besser platzieren. Zum anderen stieg mit der neu gestalteten, flacheren Ölwanne die Bodenfreiheit bei gleicher Ölmenge auf über 240 Millimeter an. Der Tank schmiegt sich in Treppenform hinunter ins Motorrad dem Motor an und fasst 18 Liter. Von der Airbox bis zu den Ventilen ist alles an der Tuareg eigenständig. Ein tolles wie für Offroad-Fans nützliches Detail ist die Abdeckung der Airbox vorn am Tank, die sich mit zwei Schrauben lösen lässt und so den direkten Zugriff zum Luftfilter frei gibt. Die Tuareg besitzt für mehr Drehmoment in unteren und mittleren Lagen deutlich längere Einlassstutzen als die Straßenmodelle und die Steuerzeiten wurden geändert. Der Tuareg-Twin kommt auf 80 PS bei 9000/min und erreicht ein maximales Drehmoment von 70 Nm bereits bei 6500/min. Zum Vergleich: Die Tuono 660 erreicht 95 PS bei über 10000/min und hat ihr maximales Drehmoment von 67 Nm bei 7500/min.

Elektronik standesgemäß

Die Mappings werden entsprechend des Einsatzzweckes zu den Straßenmodellen geändert. An unserem Testmotorrad war nur der "Explore"-Modus schon fertig für die Homologation. Es wird zusätzlich einen "Urban"-Modus, einen Offroad-Modus und die Möglichkeit geben, einen Modus selbstständig zusammenzustellen. Sicher ist schon, dass das ABS im Offroad-Mode nur am 21-Zoll-Vorderrad aktiv ist und selbst das auf Wunsch ausgeschaltet werden kann. Unser Testmotorrad hatte noch keine Traktionskontrolle, die in Serie wohl dreistufig einstellbar sein soll. Auch ein Tempomat wird zur standesgemäßen Serienausstattung gehören, wer will kann einen Schaltautomaten mit Blipper-Funktion ordern.

Kompliment für das Chassis

Doch jetzt genug der Betrachtung, Zeit zu fahren! Im "offenen" Explore-Modus geht es vom Werksgelände in Noale über schnelle Straßen Richtung Berge. Der Motor nimmt sehr sauber das Gas an und gibt unten herum spürbar mehr Punch ans Hinterrad. Sauber zieht die Tuareg durch die Drehzahlen. Der Fahrerplatz ist bequem und sehr aktiv hinter dem breiten Lenker. Im Vergleich zur Konzern-Schwester, der Moto Guzzi V85, haben die Aprilia-Leute die Fußrasten wohl auch dank des schmaleren Motors sehr viel besser platziert und so gelingen auch Passagen im Stehen auf den breiten, griffigen Rasten sehr gut. Das größte Kompliment gilt dem Chassis. Aprilia steht gerade im Straßenbereich für tolle Fahrwerksabstimmung und auch die Tuareg macht ihre Sache für ein Adventure-Bike mit langen Federwegen gerade an der Gabel hervorragend. Selbst engagiertes Hineinbremsen in Kurven bringen die Fuhre nicht aus der Ruhe, die Federn sind fein gewählt und passen perfekt zur Bremsleistung der Doppelkolben-Zangen. Die verzögern auf sehr gutem Niveau schön progressiv, lassen im Zusammenspiel mit der Gabel eine sehr sportliche Gangart zu. Die Dämpfung ist gelungen, bei aller Straffheit verliert sie den nötigen Komfort nicht aus den Augen, selbst auf längeren Touren auch über schlechten Asphalt. Die angenehm geformte Sitzbank tut dazu ihr übriges.

Straße top, offroad auch

Das Handling begeistert: Easy fliegt die Tuareg von einer Kurve in die nächste. Der Scorpion Trail von Pirelli erlaubt pures Vertrauen. Nichts stellt auf, nichts kippelt. Willig kippt das Motorrad in Schräglage, zieht sauber seinen Strich durch die Kurven und mit dem Antritt des Twins am Kurvenausgang kann man es mit der Tuareg fliegen lassen. Auf der Straße macht die Aprilia ihre Sache sehr gut und zeigt einen sportlich ambitionierten Charakter. Wer mehr Schotter mit der Tuareg angehen will, soll beim Kauf einen noch offroad-tauglicheren Reifen wählen können. Aber ist das nötig? Die Tuareg ist sicher kein Bike für den Hard-Enduro-Einsatz, auf einer Schotterpiste durch die Weinberge im Veneto und Waldpfade dazwischen können wir dennoch ihrem wilden Charakter auf den Zahn fühlen. Also Offroad-Modus rein! Das Mapping ist wie schon erwähnt noch nicht testbelastbar, aber auf diese Weise deaktivieren wir das ABS am Hinterrad. Doch neben dem schön kontrollierbar ausbrechenden Hinterrad punktet die Tuareg im Gelände durch ihr niedriges, schön ausbalanciertes Gewicht. Selbst seitlich ansteigende Böschungen lassen sich mühelos mit ihr erklimmen, tieferer Sand mit dem großen Vorderrad locker durchschiffen. Und wieder unterstreicht sie ihre aktive Ergonomie – jetzt besonders im Stehen. Auf härteren Gelände-Einsatz haben wir verzichtet – schließlich gibt es das Bike in so seriennahmen Zustand nur einmal. Aber es bleibt das Gefühl: Da geht schon noch mehr.

Preise und Farben

Die Aprilia Tuareg 660 soll übrigens auf der EICMA 2021 offiziell vorgestellt werden. Schon vor der Premiere kommuniziert Aprilia die Preise. In den beiden Basis-Varianten Gold Acid und Rot Martian kostet die Enduro 11.990 Euro. In der Dakar-Farbgebung Indigo Tagelmust kostet sie ab 12.690 Euro. In den Handel wird die Tuareg dann als 2022er-Modell Ende 2021 kommen.

Mit der Tuareg 660 bringt Aprilia ein spannendes Adventure-Bike, das zwei Welten sehr schön miteinander verbindet. Auf der Straße ist sie ein richtiger Kurvenräuber und auf Schotterpisten und Waldwegen spielt sie ihre Leichtigkeit aus. In beidem Geläuf passen Chassis und Motor toll zusammen. Sollte der angepeilte Preis von 12.000 Euro haltbar sein, ist Aprilia mit der Tuareg 660 voll im Adventure-Sektor dabei.